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Gildehauserin besucht Flüchtlinge im Irak

erin besucht Flüchtlinge im Irak
Die Eindrücke aus den Flüchtlingslagern im Irak beschäftigen Bessi Boga sehr. Foto: Austrup/privat

Im Januar hat Bessi Boga aus Gildehaus einen von ihrem Bruder organisierten Hilfstransport in den Irak begleitet. Mit dabei war Katrin Bornmüller von der „Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte“ (IGFM) Wittlich.

Gildehaus. Bessi Boga brennt darauf, von ihren Begegnungen mit Flüchtlingen im Irak zu berichten. „Ich habe so viel erlebt und möchte besonders auf die Situation der Eziden aufmerksam machen“, begründet sie. Bessi Boga ist kurdische Ezidin und lebt seit fast 30 Jahren in Deutschland. „Mein Papa hat uns (sie und zwei Brüder, Anm. der Redaktion) nach Deutschland vorgeschickt. Wir sollten ein besseres Leben haben.“ Damals war Bessi Boga 16 Jahre alt, der eine Bruder ein Jahr jünger, der andere ein Jahr älter als sie.

Gebürtig stammt die 45-Jährige aus Midyat in der türkischen Provinz Mardin, die an Syrien grenzt. Darüber, dass die Familie Eziden waren, wurde nicht gesprochen. „Sobald Nachbarn davon erfuhren, wurden wir beschimpft“, sagt Boga. Von Midyat brach die Familie zuerst nach Istanbul auf. Der Vater betrieb dort eine Schneiderwerkstatt – „alle haben immer viel gearbeitet“. Trotzdem erging es der Familie nicht besser, denn: „Auch hier waren wir als Eziden nicht anerkannt. Wir wurden diskriminiert, meine Brüder in der Schule trotz erbrachter Leistung geschlagen.“

Bessi Boga verließ die Schule nach vier Jahren. Der Grund: Seit dem Heranreifen zur jungen Frau sei sie anzüglichen Bemerkungen und Grabschversuchen von Männern ausgesetzt gewesen, erzählt sie und legt ein Papier vor. Dort, wo auf der Geburtsurkunde der Eintrag für die Religionszugehörigkeit stehen sollte, befindet sich auf Bogas Dokument nur ein Kreuz. Die ständigen Schikanen hätten schließlich den Ausschlag für die Flucht nach Deutschland gegeben, sagt Boga.

erin besucht Flüchtlinge im Irak
Inmitten von Ezidischen Flüchtlingen steht die Gildehauserin (blaue Weste) bei ihrem Besuch im Irak. Fotos: Austrup/privat

Im Januar hat ihr Bruder Muho Boga den inzwischen fünften Hilfstransport zu Flüchtlingslagern im Irak auf den Weg gebracht. Das Hauptziel waren die Lager im Sindschar-Gebirge. „Die Peshmerga kontrollieren das Gebiet. Uns ließen sie nicht durchfahren, weil angeblich noch Papiere fehlten“, erzählt Bessi Boga. Viermal sei das Team zu einer Behörde nach Dohuk gefahren, um das zu erledigen. „Ich war der Störfaktor, als einzige richtige Ausländerin in der Gruppe“, erklärt Katrin Bornmüller den GN am Telefon.

Sie organisiert seit 37 Jahren internationale Hilfstransporte und ist inzwischen Ehrenmitglied bei der IGFM-Wittlich. Mit Muho Boga ist sie seit vielen Jahren befreundet. „Wir wollten nicht nur Hilfe sammeln und verschicken, sondern zehn Tage mit den Flüchtlingen verbringen, ihnen zuhören und ihren Alltag teilen“, ergänzt Bornmüller.

Die erste Nacht verbrachte das Hilfsteam in Zakho bei einer Flüchtlingsfamilie aus Sindschar. „Diese ehemals von Eziden bewohnte Stadt wurde Anfang 2014 von ISIS-Terroristen überfallen. Für die Bewohner gab es nur drei Optionen: Übertritt zum Islam, Flucht oder ermordet zu werden“, berichtet Bornmüller. 400.000 Eziden sei die Flucht gelungen. „Viele Männer wurden gefangen genommen, junge Mädchen und Frauen verschleppt und versklavt, die Älteren getötet, weil sie nicht verkauft werden konnten“, so Bornmüller weiter.

Mit neun Kindern in zwei Zelten

In den vielen Gesprächen mit den Flüchtlingen hätten sich diese Angaben wiederholt, bestätigt Bessi Boga und: „Ich habe von so vielen Grausamkeiten erfahren.“ In dem Lager bei Zakho waren nach Schilderung der Frauen 26.000 Flüchtlinge untergebracht, die von zwei hauptamtlichen und vier ehrenamtlichen Ärzten betreut wurden. „Die Familie, bei der wir untergekommen waren, hat mit neun Kinder in zwei Zelten gelebt“, beschreibt Boga. In einem kleinen Anbau habe es eine Küche sowie ein Stehklo und einen Wasserhahn zum Waschen gegeben – alles unbeheizt. Zum Schlafen hätten die Menschen Matratzen und Decken im Zelt ausgebreitet.

„Das ganze Denken der Menschen dreht sich um Flucht. Die autonome Regierung Kurdistans tut nicht genug, um den Bleibewillen der Flüchtlinge, speziell der ezidischen und christlichen, zu stärken“, berichtet Bornmüller. Auch hier würden sich die Flüchtlinge diskriminiert fühlen. Viele blieben tatsächlich ohne Hilfe und finanzielle Unterstützung. Zahlreiche Flüchtlingskinder würden für einen Stundenlohn von sieben Euro in der Umgebung arbeiten. „Besonders die Eziden leben unter ärmlichen Verhältnissen“, so Bornmüller.

Positive Erfahrungen haben die Delegationsmitglieder in Derebun bei einem ezidischen Sheikh (ein Geistlicher, Anm. der Redaktion) gesammelt, der sie neun Tage in seinem Haus beherbergte. Dort erlebten sie 50 schiitische Flüchtlinge, die „so erschöpft und traumatisiert waren, dass sie fast zum Essen zu schwach waren“. 30 Familien habe ihr Gastgeber bei sich einquartiert, so Boga.

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Die Menschen in den Lagern brauchen vor allem Essen und Hygieneartikel. Foto: Austrup/privat

In Gesprächen erfuhr sie dort unter anderem, dass der IS die gesamte Kleinindustrie zerstört habe. Alle Waren kämen aus der Türkei, finanziert mit irakischem Öl. Lehrer und Ärzte hätten seit fünf Monaten kein Gehalt mehr bekommen. Auf die Peschmerga seien nicht alle Flüchtlinge gut zu sprechen, weiß Bornmüller: „Zu tief sitzen bei den ezidischen Flüchtlingen die brutalen Erfahrungen, die sie bei der Eroberung Sindschars machen mussten, als Peschmerga-Truppen selbst vor ISIS-Kämpfern flohen und Sindschars Bürger ihrem Schicksal überließen.“

Schließlich erzählt Boga von 150 vergewaltigten ezidischen, christlichen und muslimischen – aus der Hand der IS freigekauften – Mädchen und Frauen. „Sie wurden zum Eziden-Heiligtum Lalisch gebracht und von hier nach Deutschland geflogen.“

Für Bessi Boga ist klar, dass sie sich weiterhin einsetzen möchte. „Gut, dass ich das gemacht habe. Auch die moralische Unterstützung ist wichtig“, erklärt sie mit Blick auf ihre Tage mit den Flüchtlingen und ist froh, dass ihr Mann Halef bei ihrem Engagement hinter ihr steht.

Wer Fragen hat oder Spenden möchte, kann mit Bessi Boga unter der Telefonnummer (05924) 785089 Kontakt aufnehmen. Und wer spenden möchte, IBAN: DE 94574501200030259790, BIC: MALADE51NWD.

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Die Meinung unserer Leser

1 Leserkommentar

1. | Mario Schneider | Montag, 22.02.2016 | 18:55 Uhr

Hallo Bessi, ich finde, dass das eine sehr gute Aktion war und hoffe, dass viele weitere Menschen die nächsten Transporte in dieses Gebiet unterstützen. Jetzt nachdem ich den Bericht gelesen habe finde ich, dass es vielleicht doch ein bißchen gefährlich war dorthin zu reisen. Aber wie sonst soll man den Menschen dort helfen? In den nächsten Wochen wollen die Peschmergakämpfer die Stadt Mossul vom IS befreien. Ich habe mir das mal angesehen. Von Makhmur, wo die Peschmerga ihre Truppen zusammenziehen, bis Mossul ist fast genauso weit wie von Mossul nach Dohuk. Ich hoffe nur, dass die Flüchtlinge dort nicht weiter zu Schaden kommen. Danke für das Foto mit den lachenden Kindern, die sich über die mitgebrachten von mir gehäkelten Wintermützen freuen. Hat mich sehr berührt. Ich möchte alle Leser hiermit ausdrücklich dazu auffordern diese Aktion zu unterstützen.


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