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Bittere Erkenntnis: Das Leben ist ungerecht

rkenntnis: Das Leben ist ungerecht
Abgelehnt: Asylbewerber aus Albanien auf dem Weg zum Flieger. Die so genannte freiwillige Ausreise führt sie zurück nach Tirana. Foto: Uwe Zucchi/dpa

Als freie Journalistin hat Dagmar Thiel seit August 2015 für die GN ein journalistisches Experiment gewagt: Nicht nur über Flüchtlinge zu schreiben, sondern vor allem ganz praktisch zu helfen. Hier ihr Fazit.

Mein Online-Tagebuch (hier weiterhin nachzulesen) sollte einen unmittelbaren Einblick in die Situation der Flüchtlinge und ihrer ehrenamtlichen Helfer in Bad Bentheim ermöglichen. Beide Familien, die ich als Patin betreue, waren einverstanden, dass ich in anonymisierter Form über sie und ihre Erfahrungen schreibe. Dazu gehörte es auch, Quellen zu checken und Fakten zu nennen. So sind mehr als 40, teilweise sehr persönliche Blogeinträge erschienen. Ziel war es, einzelne Menschen in dieser viel zitierten großen Krise sichtbar zu machen. Glaubwürdigkeit wollte ich vor allem durch Transparenz erreichen: Schreiben, was ist. Das Positive benennen, das Negative nicht verschweigen.

Seit gut sieben Monaten bin ich in Bad Bentheim als ehrenamtliche Flüchtlingspatin im Einsatz. Am 13. August 2015 zogen zwei albanische Familien hier in ein Haus, das sie sich ein halbes Jahr lang teilen sollten: Ardit (36) und Melina A. (35) mit ihren Söhnen Lorik (8) und Dorian (fast 5) sowie Gezim (30) und Diana O. (24) mit Benedetto (9), Carlo (7) und Marco (fast 3). Zwei Familien, die sich vorher nicht kannten, warteten jetzt gemeinsam auf die lange Entscheidung über ihre Asylanträge.

Für die Grafschafter Nachrichten habe ich diese Zeit zwischen Warten und Hoffen in einem Online-Tagebuch dokumentiert. Mit diesem Artikel wird das Blog enden, mein Engagement als Patin aber nicht. In sieben Monaten habe ich die wesentlichen Stationen und Erlebnisse einer Flüchtlingshelferin erzählt. Was bleibt? Ein Fazit.

Zeit der Ungewissheit überbrücken

Flüchtlinge zu betreuen heißt vor allem, mit ihnen zu warten und die Zeit der Ungewissheit einigermaßen sinnvoll und strukturiert zu überbrücken. Patin zu sein bedeutet, den deutschen Alltag zu erklären, vom Einkaufen im Supermarkt über die Mülltrennung bis zur Begleitung zu Behörden oder Ärzten. Dabei kümmern sich meist mehrere Paten um eine Familie, um sich die Arbeit aufzuteilen. Zu den Flüchtlingen entwickelt sich allmählich eine Beziehung. Und gerade dieser persönliche Austausch bereichert.

Betreut man Migranten vom Balkan, werden sich Paten einer Tatsache sehr schnell bewusst: Auch Albanien gilt mittlerweile als „sicherer Herkunftsstaat“, in den Asylbewerber zurückgeschickt werden. Für Paten heißt das: Betreuung auf Zeit. Wir können die Familien begleiten, im besten Fall vielleicht etwas stabilisieren. Klar ist aber auch, dass wir sie wieder gehen lassen müssen, mit ihrer ganzen Verzweiflung und Perspektivlosigkeit. Das macht die Flüchtlingsarbeit manchmal belastend.

Zu Beginn hörten wir Paten manchmal Aussagen wie: „Ach, ihr kümmert euch um Albaner? Vom Balkan? Würde ich ja nicht machen. Wenn ihr aber mal Syrer habt, helfe ich gerne.“ Dem einen lieber helfen als dem anderen? Und auch noch abhängig von der Nationalität? Diese Frage hat sich mir bei meinem Einsatz als Patin nie gestellt. Würde man sie konsequent zu Ende denken, hieße das ja auch, dass Syrer Unterkunft, Sprachkurse, Vereinsangebote nutzen können – und die Albaner beziehungsweise die Leute vom Balkan nicht. Und dann? Sollen die unter der Brücke schlafen, betteln gehen, den ganzen Tag ohne Ansprechpartner sein?

Aussagen wie „Das sind ja nur Wirtschaftsflüchtlinge!“ erleichtern die Arbeit für Paten nicht. Die Menschen sind nun mal da. Und auch wenn sie vermutlich fast alle wieder in ihr Herkunftsland zurückmüssen, bleiben sie manchmal ein Jahr bei uns. Da helfen keine starren Überzeugungen, da hilft nur: anpacken! Letztlich tragen Paten damit auch zur Konfliktvermeidung bei.

Überzeugt bin ich, dass es vermutlich nirgendwo einen Flüchtling gibt, der „einfach so“ mal in ein anderes Land geht und sein ganzes Leben hinter sich zurücklässt. Schon gar nicht mit kleinen Kindern. Das tut nur, wer nichts mehr zu verlieren hat. Eine bessere Zukunft heißt für meine Familien übrigens: Arbeit zu haben, in einem nicht-korrupten Gesundheitssystem versorgt zu werden und eine gute Bildung für die Kinder zu bekommen. Dinge, die für die meisten Deutschen ganz selbstverständlich sind.

Familie A. hat fast genau sechs Monate gehofft, bis ihr Asylantrag schließlich abgelehnt wurde und sie zurück nach Albanien musste. Familie O. bangt immer noch. Jeden Tag kann ein Brief des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge im Postkasten sein, der über die Zukunft der Familie entscheidet. Dieses Warten ist für alle Flüchtlinge extrem belastend. Ärzte bestätigen psychosomatischen Reaktionen: Hautprobleme, Herzbeschwerden, Kopfschmerzen sind Symptome, mit denen der Körper auf die existenzielle Ungewissheit reagiert, bei Kindern genauso wie bei Erwachsenen.

Zuwanderer in Bad Bentheim recht gut integriert

Mitte März lebten in Bad Bentheim 255 Flüchtlinge, die von 50 Paten betreut werden. Im August 2015 waren es noch 70 Flüchtlinge. Die dezentrale Unterbringung in Wohnungen und die intensive Begleitung im Alltag durch Paten sind sicher wesentliche Gründe, warum sich die Zuwanderer bei uns relativ gut integrieren. Ein strukturierter Alltag erleichtert Flüchtlingen das Warten: Dazu gehören Sprachkurse, gemeinnütziges Arbeiten im Ein-Euro-Job im Schlosspark, die Handarbeitsgruppe und die wöchentlichen Treffen im „Treff 10“ für die Eltern. Schule, Fußball und Schwimmen für die Kinder.

Da ich von Anfang an wusste, dass meine Albaner höchstwahrscheinlich wieder gehen müssen, war es für mich wichtig, eine möglichst professionelle Distanz aufrecht zu erhalten. Ich möchte helfen und mitfühlen, wenn ich aber deren Schicksal zu meinem mache, werde ich nicht lange als Patin arbeiten können. Diese Gratwanderung ist mir meistens gelungen. Unerlässlich dafür ist es, sich über Ängste und Sorgen mit anderen auszutauschen und Angebote zu nutzen, die zur Professionalisierung beitragen. Denn die Ressourcen auch der wohlmeinendsten Paten sind nicht unbegrenzt.

Welche Probleme und Belastungen es bei der Betreuung von Flüchtlingen gibt, hat das Blog immer wieder thematisiert: die gegensätzlichen Kulturen, Sprachbarrieren, psychische Probleme und Traumata bei Geflüchteten. Besonders hilfreich sind die monatlichen Treffen für Ehrenamtliche im Arbeitskreis Zuwanderung, in denen die Paten sich austauschen. Eingeladen werden in regelmäßigen Abständen externe Fachleute.

Einmal berichtete eine Psychologin über „Traumaverarbeitung bei Flüchtlingen“ und gab erste Tipps, wie wir Paten diesen Menschen begegnen sollten. Die Stadt Bad Bentheim hat im März ein „Interkulturelles Training“ angeboten: ein Tagesseminar für Mitarbeiter der Stadt sowie für ehrenamtliche Flüchtlingshelfer. Unter Leitung einer Diplom-Psychologin aus Osnabrück ging es darum, wie Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zusammenarbeiten und wie man Missverständnisse vermeidet.

Das eigene Verhalten immer wieder hinterfragen

Wir Paten diskutieren bei unseren Treffen auch ganz praktische Erfahrungen. „Muss ich die Schuhe ausziehen, wenn ich eine afghanische Familie in ihrer Wohnung besuche? Bei denen ist das ja Tradition, bei mir aber nicht.“ Das beantworten auch wir Paten ganz unterschiedlich – und diskutieren emotional darüber. Letztlich läuft es ja auf die Frage hinaus: Müssen sich die Zuwanderer uns überall anpassen oder gibt es Bereiche, in denen wir uns ihren Sitten unterordnen sollten? So führen diese Treffen dazu, sich intensiv mit Fragestellungen auseinanderzusetzen und auch das eigene Verhalten immer wieder zu hinterfragen. Und natürlich zeigt ein Beispiel wie dieses, dass jeder von uns durch das Neue und Fremde manchmal auch seine Bequemlichkeitszone verlassen muss.

Als Patin fand ich es relativ leicht, Kontakt zu meinen albanischen Familien zu bekommen. Kulturell sind sie uns Deutschen ähnlich. Wir können auf Englisch und Italienisch echte Gespräche führen, ihr Familienleben finde ich mit unserem vergleichbar. Wir haben in Bad Bentheim auch Flüchtlinge, die nur Arabisch oder Kurdisch sprechen – und gar kein Englisch. Dann ist die Verständigung ohne Dolmetscher fast unmöglich. Das erschwert nicht nur für Paten den Kontakt, sondern für die Flüchtlinge auch die Integration.

Gelernt habe ich, dass Menschen aus anderen Kulturen Beziehungen stärker pflegen und sie viel wichtiger nehmen als Termine. Alle stehen immer sofort auf, geben mir die Hand und bieten grundsätzlich einen albanischen Kaffee an, der stark und süß wie türkischer Mokka schmeckt. Vorher noch gemeinsam Kaffee zu trinken, ist wesentlicher, als pünktlich beim Arzt zu sein.

Und so verstehen es auch eher südeuropäisch geprägte Albaner nicht unbedingt, wenn ich leicht genervt auf die Uhr blicke, gefolgt vom Standardspruch „Wir müssen los“. „Dagmar, du hast nie richtig Zeit für einen Kaffee“, sagte Ardit gerne. Mir fällt daran auf, wie stark wir Deutschen durchgetaktet sind, wie wenig Spielraum wir uns selbst lassen.

Debatten im Internet

Jeden Blogeintrag haben die Grafschafter Nachrichten auch bei Facebook gepostet, über dieses soziale Netzwerk haben mich viele Kommentare und Rückmeldungen erreicht – und mir gezeigt, dass diese neue Form eines persönlich-reflektierenden Journalismus von den Lesern sehr geschätzt wird.

Manchmal allerdings haben mich Kommentare auch schockiert. Wenn auf den Blogeintrag vom 8. Februar, der die traurige Abreise der Familie A. beschreibt, jemand applaudierende Hände postet oder schnell hinschreibt „winke winke!“, „Und Tschüss und kommt bloß nicht wieder!!!!!!“. Im Blog steht gerade der Einzelfall, das Persönliche im Mittelpunkt. Man kann ja durchaus der Meinung sein, dass Menschen vom Balkan in Deutschland kein Asyl bekommen sollten. Aber mit Häme zu reagieren, wenn eine Familie mit zwei Kindern in eine ungewisse Zukunft zurückgeschickt wird, finde ich dann doch ziemlich empathielos. Was an Hetze und Stammtischparolen gegen Geflüchtete sonst an vielen Stellen bei Facebook zu lesen ist, steht in krassem Widerspruch zu meinem persönlichen Erleben vor Ort. Andere kennenzulernen, sollte Voraussetzung sein, um sich ein eigenes Urteil bilden zu können.

Zu meinen beiden Familien gehören fünf Kinder zwischen drei und neun Jahren. Die großen sprechen nach sieben Monaten erstaunlich gut Deutsch. Man kann sich mit ihnen über einfache Sachverhalte unterhalten. Das ist ein unglaubliches Potenzial! Besonders für die fünf Jungs finde ich das Hin und Her allerdings beklemmend. Denn die Kinder bekommen die Zukunftsängste ihrer Eltern ganz genau mit.

Bei Ablehnung ihres Asylantrages werden sie wieder entwurzelt werden. Was diese Ungewissheit wohl mit ihnen macht? „Wir sind nach Deutschland gekommen, damit unsere Kinder eine bessere Zukunft haben“, formulierte Ardit einmal. Dass gerade dieser Wunsch nicht in Erfüllung gegangen ist, sei für ihn das Bitterste an der ganzen Geschichte.

„Kleines Rädchen im Getriebe“

Zu hoffen ist, dass die Eltern ihren Kindern in Deutschland dennoch neue Träume gegeben, einen Blick über den Tellerrand verschafft, Zukunftsperspektiven gezeigt haben. Gleichzeitig bleibt für mich aber auch die bittere Erkenntnis, wie ungerecht das Leben ist, wie ungleich die Chancen schon innerhalb Europas verteilt sind. Und der Einzelne ist machtlos, daran etwas zu ändern.

Natürlich ist eine Patenschaft manchmal anstrengend, sie relativiert aber auch eigene Sorgen, rückt manches ins rechte Licht. Ehrenamtliches Engagement heißt für mich, ein kleines Rädchen im Getriebe zu sein, das unsere Gesellschaft am Laufen hält. „Wir können das schaffen“, davon bin ich persönlich immer noch überzeugt. Die deutsche Gesellschaft ist stärker, als sie manchmal glaubt. Also: Nicht jammern, anpacken!

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